Klabund: Borgia
Klabund:
»Borgia«
Roman einer Familie
Mit einem Nachwort von Ralf-Georg Bogner
2019, geb., farb. Vorsatz,
Lesebändchen, 176 S.
€ 19 [D] / € 19,60 [A] / sFr 21,60
ISBN 978-3-96160-009-0

Bestellung

Buch

Die Edition ausgewählter Werke Klabunds (1890—1928), dessen 90. Todestag sich 2018 jährte, wird fortgesetzt: »Borgia«, das letzte vor seinem frühem Tod vollendete Werk, ist bis heute Klabunds international erfolgreichster Prosatext. Er erzählt in avantgardistisch­ expressionistischer Schreibtechnik, aber für ein breites Publikum, vom Machthunger, den Intrigen und Perversionen der berühmt­-berüchtigten valencianisch­-römischen Familiendynastie.

Autor

Klabund, d. i. Alfred Henschke (1890—1928), veröffentlichte von 1912 an nicht weniger als 76 Bücher, darunter Gedicht­bände, Romane, Dramen, eine Vielzahl von Erzählungen, Schauspielbearbeitun­gen, Nachdichtungen östlicher Lyrik und Theaterstücke. Er studierte in München und Berlin und war mit der Schauspiele­rin Carola Neher verheiratet. Im »Dritten Reich« wurden Klabunds Bücher als Asphaltliteratur verboten.
Im Elfenbein Verlag erschienen von Klabund zudem:
»Werke in acht Bänden« (1998-2012)
»Bracke. Ein Eulenspiegel-Roman« (2018)
»Der letzte Kaiser. Erzählung«(2018)
»Dumpfe Trommel und berauschtes Gong« (2009)

Auszug

Auf der Falkenjagd trafen der Kardinal Rodrigo Borgia und der Graf Jean d’Armagnac zusammen. Sie zogen die Hüte und beschlossen, die Jagd gemeinsam fortzusetzen.
Beim Picknick, als die Korke von den Weinflaschen gesprungen, ergab es sich, daß der vom Weine sehr erhitzte Graf d’Armagnac den jungen Kardinal, der ebenfalls dem Weine reichlich zugesprochen hatte, aber völlig nüchtern geblieben war, um eine Unterredung unter vier Augen bat. Sie gingen abseits, und an zwei Bäume gelehnt, schwiegen sie sich zuerst eine Zeitlang an, ehe der Graf den Mut zu den ersten Worten fand.
Er schlug mit seiner Reitgerte in das Laub der Bäume.
Ob der hochwürdige Herr Kardinal sich irgendwie mit dem Wesen der Liebe beschäftigt habe — in der freien Zeit, die seine geistlichen Exerzitien ihm ließen —?
Der Kardinal lächelte höflich:
Gewiß, mehr theoretisch allerdings, mehr platonisch, wie es einem Kirchenfürsten gezieme.
Gewiß, gewiß. Der Graf pflichtete ihm bei. Aber gerade auf die Theorie, auf das Prinzipielle komme es ihm an. Nämlich, inwieweit Heirat zwischen Blutsverwandten kirchlich gestattet oder — so wolle er sich ausdrücken — möglicherweise geduldet würde?
Die Iris in den Augen des Kardinals begann aufzuleuchten. Dürfe er den Herrn Grafen fragen, wen der Herr Graf zu heiraten wünsche?
Der Graf war vor Aufregung fast nüchtern geworden. Er bereute seine Offenherzigkeit dem undurchdringlichen Borgia gegenüber. Aber es war zu spät, das Geheimnis zu behalten. Er senkte den Kopf wie ein auf unrechtem Pfade ertappter Schüler.
Ich liebe — meine Schwester.
Der Kardinal schwieg.
Oben in den Bäumen sauste der Wind.
Und im Wind schrie ein Merlan, ein Raubvogel.

© 2019 Elfenbein Verlag

Startseite