Al Berto: Mondwechsel
Al Berto:
»Mondwechsel«
Roman
Aus dem Portugiesischen von Sven Limbeck
1999, geb., 144 S.
16 [D] / € 16,50 [A] / sFr 23,20
ISBN 978-3-932245-21-3
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Buch

»Mondwechsel«, Al Bertos einziger Roman, erzählt im Wechsel von Gegenwart und Erinnerung, Bildern der Lähmung und wildbewegten Episoden die Geschichte eines Heimatlosen. Er schildert die Streifzüge eines jungen Mannes durch den Untergrund Europas, durch die nächtlichen Städte, seine Zufallsbegegnungen und sexuellen Exzesse mit Namenslosen, seine Suche nach Liebe.

Autor

Al Berto (1948–1997) studierte Malerei in Lissabon und Brüssel und veröffentlichte seit Ende der siebziger Jahre Gedichte. Seine gesammelte Lyrik erschien 1991 unter dem Titel »O Medo«. Al Berto, 1988 mit dem Prémio Pen Club ausgezeichnet, gilt als einer der bedeutendsten portugiesischen Lyriker der Gegenwart.
Des Weiteren erschienen:
»Horto de Incêndio — Garten der Flammen«
»Salsugem — Salz«

Auszug

Dämmerung

»Ich hatte immer ganz wenig Gepäck dabei«, dachte Beno, während er seinen Hals vorreckte, um im Fensterausschnitt den wellenartigen Flug einer Möwe zu verfolgen. »Ein oder zwei Hemden, T-Shirts, zwei, drei Paar Hosen und eine Unmenge unnützer Kleinigkeiten. Ich reiste mit dem absolut Notwendigen. Wenn ich irgendwo ankam, kaufte ich, was mir fehlte. Sobald ich mich dann wieder auf den Weg machte, warf ich alles weg. Ich dachte immer, was mir an einem Ort nützlich und unverzichtbar war, wäre es an einem anderen nicht mehr ...« Beno saß am Fenster und blickte durch die Scheiben, die vor lauter Staub trüb waren, auf das Meer. Seit seiner Rückkehr hatte er die Gewohnheit, bei Einbruch der Dunkelheit wie unter einem Zwang dort zu sitzen. Unbeweglich, mit über das Meer schweifendem Blick, ließ er seine Erinnerung an das Geschehene sich mühselig mit der eintönigen Bewegung der Gezeiten entspinnen. Sonst hatte er nichts zu tun.

Die Möwe verschwand aus dem Fensterausschnitt, und Beno streckte die Beine aus, nahm seine Ausgangshaltung wieder ein, indem er sich in den Stuhl zurücklehnte. Er seufzte, zündete sich eine Zigarette an und spann gleichzeitig weiter an seinen Gedanken: »Damals hatte ich kein Haus, nicht einmal einen bestimmten Ort, wo ich bleiben konnte. Jahrelang wohnte ich bei Freunden oder in Pensionszimmern, wo ich allmählich eine Spur des Krams hinterließ, den ich ständig mit mir herumtrug. Unnützer Kram ... aber ich habe mich nie wirklich mit Gegenständen umgeben, nie Sachen besessen, und im Laufe der Jahre trennte ich mich schließlich von dem Wenigen, was ich aufhob und was in mir die Erinnerungen an glückliche Begegnungen, gelegentliche Vertrautheiten oder einfach an Streifzüge durch die Nacht der Städte wachrief.«

Eine abendliche, salzgesättigte Brise wehte nun. Der Tag begann zu sterben. Der Schaum auf den Wellen wurde fast rot, das Wasser glühte. Beno fühlte sich in eine Art Starre gehüllt, die ihn blind machte. Er blickte auf das Meer, ahnte es eher, als daß er es wirklich sah. Und alles, was er sah, war schließlich nichts als ein blauer Fleck, der sich weit ausdehnte, dem Blick entschwand, metallisch und wogend, ein Fleck, auf den die Dämmerung Funken streute.

Er füllte sein Glas wieder mit Whisky und schnalzte ein paarmal im Rhythmus der Musik mit der Zunge. Sun's going down. Like a big bald head. Er schwenkte die Flüssigkeit, und das Eis begann zu schmelzen. Sobald die Platte zu Ende war, stand er auf, ging durch das Zimmer und spielte sie noch einmal von vorne ab.

© 1999 Elfenbein Verlag

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